24.08.18 - René Korten: "Hope Road"

Eine Sicht auf vermeintlich dystopische Acrylmalereien des in Tilburg (NL) dozierenden Kunstprofessors...

In seinem grossen, über sechzig Arbeiten umfassenden Gemäldezyklus, welcher 2010 bis 2014 entstand, näherte sich der niederländische Maler René Korten dem Thema einer modernen Landschaft intuitiv von zwei diametral gegenüberliegenden Warten aus. Ob er in Folge - je nach Ausarbeitung - den Fokus primär auf die unbescholtene und sich selbst überlassenen Seite der Natur legte oder auf jene, die mit den abrasiven Interessen der Industrie (und somit mit den gewaltigen, unterordnenden Schöpfungskraft des Menschen) im Konflikt steht, ist einerlei: Er betrat mit dieser Werkgruppe, trotz der zuweilen sehr abstrakten Ansätze, eine irritierend realistische und hochaktuelle Grauzone.

 

Wer wie ich viel mit dem Zug pendelt und fast täglich den gleichen Weg zur Arbeit nehmen muss, dem wird es trotz der Beiläufigkeit und der Routine, mit der man an den gewohnten Landschaften in hohem Tempo vorbeizieht, nicht entgangen sein, dass Natur und Mensch sich zwar gegenseitig permanent konditionieren und somit zwangsläufig in einem steten Dialog stehen, auf der anderen Seite aber in der Kombination auch oft eine latente Disharmonie entfalten können, welche bei genauerer Betrachtung alles andere als symbiotisch, ja gar ungesund erscheinen muss.

 

Zu verschieden sind Rhythmen und Anliegen: Wo der Mensch in Tagen, Monaten und Jahren rechnet und um seiner selbst willen so viele Zeichen seiner Präsenz wie möglich hinterlassen möchte, in denen er sich in Folge auch spiegeln und wiedererkennen kann, da manifestiert sich die Natur gleichmütig und vor allem wertefrei in Jahrtausenden, Jahrmillionen andauernden Schöpfungswellen.

 

Auf dieses situative Spannungsfeld reagiert Korten schon im ersten Arbeitsschritt, indem er ganz bewusst durch ein von formalen Zwängen losgelöstes, freies Auftragen von Acryl auf MDF-Platten den Zufall mit einbringt, welcher - anders als die diversen ordnenden Kräfte in der Malerei - nichts Wertendes kolportiert, sondern ganz natürlich permutierend einem Lauf folgen kann. In einer zweiten Phase greift der Maler jedoch korrigierend ein und übernimmt bei der weiteren Gestaltung die Kontrolle, indem er mit Rakel sowie Spatel begradigend und ordnend auf den Malflächen interveniert. Die Eingriffe scheinen so kühl und berechnend angebracht worden zu sein, dass der Betrachtende einstweilen dazu neigen könnte, sich von dieser vermeintlich unnatürlichen "Reorganisation" emotional distanzieren zu müssen, denn sie verweist schon fast auf vertraute Weise auf jene typischen Spuren, die der Mensch bei der Besiedlung und der folgenden Ressourcenschöpfung zu hinterlassen pflegt.

 

Korten schenkt in seinen Acrylgemälden aber ohne Zweifel auch ganz bewusst der pragmatischen Ästhetik von vermeintlich domestizierten und von Menschenhand umorganisierten Landschaften so viel Aufmerksamkeit, dass sich mir bei wiederholtem Betrachten der Hope Roads schon bald die Frage stellte, ob die dargestellte Konkurrenzsituation zweier scheinbar so gegensätzlich emanierender Schöpfungskräfte nicht vielleicht doch einem facettenreicheren Zweck dienen könnte als jenem offensichtlichen, in allem lediglich Unvereinbares, Unheilvolles erkennen zu wollen.

 

Obwohl der Maler dem Betrachter mit diesen Ansätzen schon genug Raum für eine eingehendere Auseinandersetzung bietet, scheint er mit den Hope Roads darüber hinaus auch der masslosen Geschwindigkeit ein spezifisches Gewicht zu geben, einer Kraft, die aktuell wohl wie keine zweite auf unsere Wahrnehmung Einfluss nimmt. Korten bewerkstelligt dies, indem er dem Auge des Betrachters im grössten Teil seiner Arbeiten keine fixen Ruhepole setzt und die Landschaften so sehr in die Horizontale verzerrt, dass sie am Betrachter im wahrsten Sinne des Wortes vorbeiziehen und mit ihnen auch alle statischen Versatzstücke, welche dem Auge beim Betrachten Sicherheit verleihen könnten. Da Korten in dieser Bildgruppe auch auf die explizite physische Präsenz des Menschen verzichtet und der technische Verwischungseffekt zuweilen so sehr gesteigert ist, dass über fast allen Arbeiten ein Schleier der Anonymität und Orientierungslosigkeit zu liegen scheint, hängt den Bildern zugleich etwas Anregendes, Faszinierendes, aber auch Unbehagliches nach. In all diesen Widersprüchen steckt - nebst dem gekonnt lasierenden und schwer lesbaren Auftrag Kortens - die Magie der "Hope Road"-Gemälde, die gleichermassen aktuell, wie unnahbar scheinen und von einer vermeintlichen Dystopie erzählen, die es vermag, frische Reizpunkte zu setzen und vor allem dazu anhält, sein eigenes ästhetisches Empfinden nochmals gründlich zu überdenken.

 

Autor: Carlo Magno (18.08.18)

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20 aktuell verfügbare Arbeiten der "Hope Road"-Serie sowie zwei grossformatige Malereien finden Sie auf der "RENÉ KORTEN AUF MDF"-Seite.


12.03.18 - Robert Zandvliet: Fünf-undvierzig kolorierte Tuschmalereien auf Sumi-e Papier

Der virtuose niederländische Maler im Spannungs-feld zwischen abendländischen und fernöstlichen Traditionen...

Es ist mir - nachdem ich mich nun schon so lange passioniert mit seinem erstaunlich komplexen Werk auseinandersetze - eine besondere Freude, auf Roberts Wunsch hin in der Schweiz eine exklusive Werkgruppe von 45 kolorierten Tuschezeichnungen auf handgeschöpftem Papier anbieten zu können, die die bereits virtuose, vielschichtige Palette an Maltechniken und Herangehensweisen des Künstlers um eine kraftvolle und - wie ich finde - zugleich sinnliche Komponente erweitert.

 

Robert Zandvliet entwickelte schon früh grosses Interesse an unterschiedlichsten Kultur- und Kunstströmungen, welches zuweilen auch weit über die europäische Malerei hinausgeht. Unter dieser Prämisse verwundert es nicht weiter, dass er sich unter anderem auch seit über zwei Jahrzehnten intensiv mit der traditionellen japanischen und chinesischen Malerei auseinandersetzt, insbesondere mit jener auf Papier - angefangen mit Hokusais Schwarz-Weiss- und Farbholzschnitten. Und er tut dies in für ihn typischer Manier, nämlich ohne je die klassisch niederländische "Identität" sowie ihre Maltraditionen aussen vor zu lassen und diese dann auch ganz bewusst mit in die nächsten Werkgruppen zu tradieren.

 

Um seine Wahl der Materialien und der angewandten Techniken für diese spezifische Werkgruppe besser einordnen zu können, lohnt es sich, einen Blick zurück in die Geschichte der japanischen Tuschmalerei zu werfen: Sumi-e (jap. "Tuschebild") ist die traditionelle Schwarz-Weiss-Kunst der Tuschmalerei (jap. Sumi "Tusche"). Sie wurzelt in der asketischen Haltung der Zen-Mönche und arbeitet mit sparsamsten Mitteln. Sie will mehr andeuten als aussprechen und ist in ihrer Weltdistanziertheit der Gegenpol zur lebensfrohen Kunst des Yamato-e, der ästhetisierenden Kunst der frühmittelalterlichen Feudalzeit Japans.

 

In diesem Fall ergänzt Robert Zandvliet - und das ist aus kunsthistorischer Sicht ein absolutes Novum - zur Kolorierung die Tuschmalereien mit Farbmaterialien, die primär in der europäischen Maltradition Einzug gefunden hatten: Eitemperafarben. Eitemperafarben werden traditionell zum Malen von Ikonen und als Untermalung von Ölbildern in der Lasurtechnik verwendet, fanden aber auch schon im Altertum, etwa bei Mumienportraits, Verwendung. In der Geschichte der Malerei ist die Eitempera die älteste Form, die Farbpigmente mit einem Malmittel zu binden.

 

Mit der bis anhin einmaligen Zusammenführung von Tusche und Tempera auf Papier und dem - nebst Pinseln - erstmaligen Einsetzen von Malrollen auf handgeschöpften Farbträgern legt Zandvliet auf diesen 45 Blättern eine Intensität und Virtuosität an den Tag, die trotz der zum Teil offenkundigen Vehemenz seines Farbauftrags die Schlichtheit einer traditionell japanischen/chinesischen Tuschmalerei beibehält. Die dabei entstandene Werkgruppe ist trotz der bewussten technischen Anlehnungen aber nicht per se als Hommage an das klassisch japanisch-chinesische Kunsthandwerk zu verstehen, sondern auch als befreite, von akribischer Planung losgelöste, instinktive Erweiterung seiner Signatur und nicht zuletzt als Rückblende auf bereits geschaffene, umfangreiche Werkgruppen, in welchen er Themen wie Berg- und Seelandschaften, Wege, Bäume und Bachläufe auf grossen wie kleineren Formaten immer wieder neu interpretierte.

 

Autor: Carlo Magno (12.03.18)

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Eine Auswahl der verfügbaren Arbeiten finden Sie auf der "ROBERT ZANDVLIET AUF SUMI-E"-Seite.